2. Großbrand Fa. Linde 1971

Zweiter Großbrand bei der Fa. Linde
Haushaltsmöbel AG in Kostheim
26. Januar 1971

Noch sind die Bergungstrupps und Brandwachen an der Brandstelle. Am Dienstag, morgens um 5.00 Uhr, bei einem starken, böigen Sturm mit Wind stärken von 5 bis 6, hat sich durch in nicht zugängliche Teile des Lagerhochhaus mit Ecktürmen von etwa 40 Meter Höhe durch Brandnester ein Brand entwickelt. Wegen akuter Einsturzgefahr können die Löschtrupps nicht gegen den Brand vorgehen. Es wird sofort Katastrophenalarm gegeben.

Eine über das ganze Rhein-Main-Gebiet sichtbare Rauchwolke und Feuerschein stehen über dem Werk. Gegen 5.15 Uhr stürzt die Außenmauer des Hochhauses ein. Es besteht Explosionsgefahr, da in dem Gebäude etwa 25.000 Liter hochexplosive Nitrolackverdünnung, 80.000 Liter Benzin und 30.000 Liter hochexplosive Kühlflüssigkeit lagern. Dazu mehrere tausend Liter Nitrolacke. Ein ganzer Stadtteil ist in Gefahr. Die Hessische Landespolizei, mit etwa 200 Mann, sperrt die ganze Umgebung ab. Der Bahnverkehr der Linie Wiesbaden – Frankfurt/M. wird zeitweise umgeleitet und die Bundesstraße gänzlich abgesperrt. Die Maaraue wird von Zuschauern geräumt. Angrenzende Wohn- und Fabrikgebäude werden von Arbeitern und Bewohnern geräumt und diese evakuiert. In Schulen und der Goßner-Mission in Mz.-Kastel werden die Leute untergebracht und von den Hilfsorganisationen DRK, ASB, Malteser-Hilfsdienst und Johanniter-Orden betreut. Die Berufsfeuerwehren von Wiesbaden, Mainz und Frankfurt/M., Werkfeuerwehren aus dem Gebiet sowie alle Freiwilligen Feuerwehren des Stadtkreises Wiesbaden und eine Anzahl Wehren aus dem Rhein-Main-Gebiet sind im Einsatz und weitere in Bereitschaft. DRK, ASB, Malteser- und Johanniter Hilfsdienste. Medomobile, Klinomobil. Fernmeldefahrzeug, Hilfsfahrzeuge und Sanitätspersonal in ausreichender Menge sind in Bereitschaft. Ein Funkenregen von glühenden und brennenden Kunststoffteilen und Verpackungsmaterial fliegt hunderte von Metern über die Bundesstraße, den Gückelsberg, die Siedlung sogar über die Hochheimer Straße. Es besteht die Gefahr, daß durch diese neue Brände verursacht werden. Der Landesbranddirektor von Hessen, Herr Achilles, übernimmt die Gesamtleitung am Brandort und leitet den Einsatz zeitweise über einen Hubschrauber der Hessischen Landespolizei. Auf einem nahe gelegenen Parkplatz der Firma Linde wird ein Hubschrauberlandeplatz errichtet. Um an das Feuer heranzukommen werden Wasserkanonen, mech. Bühnen und vom Floßhafen Feuerlöschboote der BFW Frankfurt/M. und Mainz eingesetzt. Alle verfügbaren Tanklöschfahrzeuge aus dem Rhein-Main-Gebiet werden herangezogen. Wieder wird Wasser über lange Wegstrecken bis über 1500 m vom Main über die Kostheimer Landstraße mittels zwischengeschalteter Feuerlöschpumpen herangeholt. Wohnhäuser, Fabrikgebäude und Lager, Sägewerke mit Holzlagerplätzen und eine Tankstelle werden mit Löschwasser besprüht. Immer wieder müssen durch Funkenflug sich bildende Brandnester abgelöscht und beseitigt werden. Die an der Brandstelle eingesetzten Löschtrupps müssen immer wieder wegen einstürzenden Mauerteilen usw. zurückgehen. Im Raum Kostheim und Siedlung stehen Löschfahrzeuge mit ihren Löschgruppen für evtl. durch Funkenflug entstehende Brände einsatzbereit. Zur eventuell erforderlichen Evakuierung von Personen stehen Omnibusse bereit. Ein gut ausgerüsteter Kommandowagen der BFW Frankfurt/M. gewährt der Brandstellenleitung eine einwandfreie Kommando- und Nachrichtenübermittlung. Als gegen 17.00 Uhr endlich der Brand unter Kontrolle ist, können die Bewohner des Gückelsberg usw. in ihre Wohnungen zurück.

Die Aufräumungs- und Löscharbeiten werden fortgesetzt. Ein großer Teil der Hilfskräfte kann abgezogen werden. Ein durch den Brand baufällig gewordener etwa 40 Meter hoher Eckturm des Lagerhochhauses wird am 2. Februar 1971 von der BFW Wiesbaden gesprengt. Das letzte Löschfahrzeug wird erst am 5. Februar 1971 von der Brandstelle abgezogen. Am Montag, den 1. Februar 1971 fand in der Hauptfeuerwache in Wiesbaden unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, Vertretern der Landesregierung, der Städte Wiesbaden und Mainz, dem Werk Linde AG, Abordnungen von Feuerwehren aus dem gesamten Bundesgebiet, allen Feuerwehren Wiesbadens und Mainz eine ergreifende Trauerfeier für die drei Todesopfer des ersten Brandes vom 24. Januar 1971 statt. Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes nahm an der Trauerfeier teil. Albert Bürger/Rottweil und andere berufene Persönlichkeiten gedachten in Ansprachen den Opfern.

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